Um ein Venn-Diagramm einwandfrei definieren zu können, ist es zunächst notwendig, einige grundlegende geometrische und topologische Begriffe eindeutig festzulegen.
Ein Punkt heißt innerer Punkt einer Region, wenn es eine Umgebung um diesen Punkt gibt, die vollständig in der Region enthalten ist.
Ein Punkt heißt äußerer Punkt, wenn er innerer Punkt des Komplements der Region ist.
Randpunkt einer Region ist ein Punkt, der weder innerer noch äußerer Punkt ist. Die Menge der Randpunkte bildet den Rand einer Region.
Eine Punktmenge heißt eine Kurve, wenn eine stetige, injektive Abbildung eines Intervalles auf diese Menge existiert.
Eine Region heißt zusammenhängend, wenn zwei beliebige verschiedene Punkte der Region durch eine Kurve verbunden werden können, deren Punkte nur Punkte der Region sind.
Eine Region ist konvex, wenn zwei beliebige verschiedene Punkte der Region durch eine Strecke verbunden werden können, deren Punkte nur innere Punkte der Region sind.
Zur Verdeutlichung einige Beispiele von Kurven und Regionen:
(a) ist eine Kurve, (b) ist eine zusammenhängende Region, wenn der ,,Kreuzungspunkt`` zur Region gehört, sonst ist die Region nicht zusammenhängend, (c) ist eine zusammenhängende Region, (d) ist eine konvexe Region und daher natürlich auch zusammenhängend.
Der offene Kern einer Region ist die Menge der inneren Punkte der Region.
Eine Region heißt offen, wenn der offene Kern einer Region die gesamte Region ist, wenn sie also nur aus inneren Punkten besteht.
Ein Schnitt zweier Regionen ist die Schnittmenge der beiden Regionen und selbst wieder eine Region.
Es sei
eine Familie von
Regionen.
ist
eine unabhängige Familie von Regionen, wenn die Regionen offen und
zusammenhängend sind, die Komplemente der Regionen zusammenhängend und jeder
Schnitt
von Regionen existiert (also nicht leer
ist), wobei
entweder die Region
oder der offene Kern des
Komplements von
ist.
Der Rahmen um die unabhängige Familie von Regionen im Venn-Diagramm bezeichnet
das sogenannte ,,Univers of Discurs``, und grenzt die unendliche Punktebene auf
einen kleinen Bereich ein, der nur die
betrachteten Regionen enthält.
Dieses ist notwendig, damit die später noch einzuführende
Schraffierungsoperation auf den Regionen endlich ist.
Einige Beispiele von Venn-Diagrammen:
(a) ist ein Venn-Diagramm mit einer Region, (b) ein Venn-Diagramm mit zwei Regionen, (c) ein Venn-Diagramm mit drei Regionen, (d) ein Venn-Diagramm mit vier Regionen und (e) ein Venn-Diagramm mit fünf Regionen. Besonderes Kennzeichen dieser Diagramme ist, daß die verwendeten Regionen konvex sind.
(f) zeigt kein Venn-Diagramm, denn zwei der Schnitte sind nicht zusammenhängend. (g) ist nicht einmal eine unabhängige Familie, denn der Schnitt der drei Regionen ist leer. (h) zeigt ein Diagramm mit fünf Regionen, das oft als Venn-Diagramm bezeichnet wird. Im Sinne der Definition 2.29 trifft das jedoch nicht zu, denn die fünfte Region ist ein Ring, das Komplement dieser Region daher nicht zusammenhängend.
(i) zeigt ein weiteres Venn-Diagramm mit vier Regionen. Die vierte Region ist
aber nicht mehr konvex. Dieses Diagramm bildet den Ausgangspunkt einer ganzen
Reihe von Diagrammen. Gezeigt seien hier nur die Diagramme mit fünf (j) und
sechs (k) Regionen. Jedes Diagramm entsteht aus dem vorherigen, indem der Rand
der -1-ten Region in einer ,,schlauchförmigen`` neuen Region verpackt wird.
Diese Konstruktion läßt sich bis zu einem beliebigen
fortsetzen,
allerdings gibt es bald zeichentechnische Probleme.
Die
Variablen
eines endlichen Booleschen Verbandes
seien in beliebiger, z.B. alphabetischer, aber letztlich fester Reihenfolge
geordnet. Dann wird jedem Minterm
für
Variablen
in einem Venn-Diagramm mit einer unabhängigen Familie von
Regionen
die Zelle zugeordnet, die sich als Schnitt von
Regionen
ergibt, wobei jeweils die Region
berücksichtigt wird, wenn
ist, oder aber der offene Kern des Komplements von
,
wenn
ist.
Beweis: Unterscheiden sich zwei Minterme für
Variablen an mindestens
einer Stelle, so werden sie auch mit unterschiedlichen Zellen im Venn-Diagramm
identifiziert, da dann der Schnitt mit dem Komplement einer Region durchgeführt
wird und nicht mit der Region selbst (bzw. umgekehrt). Die Abbildung ist also
injektiv.
Die Definition des Venn-Diagrammes legt fest, daß für eine unabhängige
Familie von
Regionen jeder der Schnitte
eine offene zusammenhängende Region ist, wobei jedes
entweder
die (offene) Region
oder der offene Kern des Komplements von
ist. Jedes der
kann also in den Schnitten
zwei Regionen darstellen. Daher gibt es rein kombinatorisch
mindestens
verschiedene Zellen in einem Venn-Diagramm. Jeder dieser
Schnitte ist nach Definition zudem zusammenhängend, d.h., es gibt genau
Zellen in einem Venn-Diagramm.
Daher ist für die Abbildung aus Definition 2.30 die Anzahl der Bilder (Zellen) gleich der Anzahl der Urbilder (Minterme), die Abbildung ist daher surjektiv, also insgesamt bijektiv.
Aufgrund der Zuordnung der Mintermvariablen zu den Regionen (Def. 2.30
und Satz 2.36), gibt es also eine eineindeutige Abbildung zwischen den
Zellen im Venn-Diagramm und den Mintermen Boolescher Funktionen für
Variablen.
Um bestimmte Zellen zu markieren wird im folgenden ein Punkt in den betreffenden Zellen plaziert werden2.1
Nun wird eine Beziehung zwischen beliebigen Booleschen Funktionen und Mengen von Zellen hergestellt.
Seien
und
Boolesche Funktionen, die ein Grundobjekt repräsentieren.
Dann sind
und
Mengen der Zellen, die in der jeweiligen Region
liegen, die das Grundobjekt
bzw.
repräsentiert. Dann gilt:
Mit dieser Definition haben wir die sogenannten Vennschen Umfangs-Diagramme definiert. Wir hätten genausogut sog. Inhalts-Diagramme definieren können. Im folgenden werden wir uns nur mit den Umfangs-Diagrammen beschäftigen, dieses also auch nicht mehr gesondert erwähnen. Wer sich für die Inhaltsdiagramme interessiert, sollte in [5] nachlesen.
Die in Definition 2.31 definierte Abbildung, genannt ,,``, zwischen
Booleschen Funktionen und Mengen von Zellen ist ein Isomorphismus.
Beweis: Es gilt:
ist also ein Homomorphismus. Aus dem Beweis von Satz 2.36 hat sich
ergeben, daß ein Venn-Diagramm mit einer unabhängigen Familie von
Regionen genau
Zellen enthält, die eineindeutig auf die
Minterme Boolescher Verbände für
Variablen abgebildet werden. Mehrere
Zellen können zu einem größeren Bereich zusammengefaßt werden. Dieses
entspricht nach Definition 2.31 der Disjunktion der entsprechenden
Minterme. Die gleiche Argumentation wie in Satz 2.30 führt dazu, daß
sich
verschiedene Zellenkombinationen bilden lassen. Nach Satz
2.31 gibt es
verschiedene Boolesche Funktionen für
Variablen. Die Abbildung
ist also surjektiv, daher insgesamt bijektiv und
damit ein Isomorphismus.
Beweis: Wir bilden die Vereinigung von
und
(a) und vereinigen das
Ergebnis mit
(b). Andererseits vereinige man
mit der Vereinigung von
und
(c). Das Ergebnis (d) ist identisch mit (b).
Damit ist (V1a) bewiesen. Nun bilden wir den Schnitt von
und
(e) und
schneiden das Ergebnis mit
(f). Andererseits schneide man
mit dem
Schnitt von
und
(g). Das Ergebnis (h) ist identisch mit (f).
Damit ist (V1b) bewiesen. Es ist im Venn-Diagramm völlig beliebig, ob der
Schnitt von
und
oder der Schnitt von
und
gebildet wird.
Betroffen ist (sind) immer die gleiche(n) Zelle(n). Ebensolches gilt für die
Vereinigung von
und
und die Vereinigung von
und
.
Damit sind auch
(V2a) und (V2b) erledigt.
Schneidet man
mit der Vereinigung von
und
,
so bleiben die Zellen von
,
womit (V3a) bewiesen ist. Vereinigt man
mit dem Schnitt von
und
,
so bleiben die Zellen von
,
daher ist auch (V3b) bewiesen.
Schneidet man
mit der Vereinigung von
und
(i), so ist das Ergebnis
(j). Vereinigt man den Schnitt von
und
(k) mit dem Schnitt von
und
(l), so ist das Ergebnis (m) identisch mit (j).
Damit ist (V4a) bewiesen. Vereinigt man
mit dem Schnitt von
und
(n),
so ist das Ergebnis (o). Schneidet man die Vereinigung von
und
(p) mit
der Vereinigung von
und
(q), so ist das Ergebnis (r) identisch mit (o).
Damit ist (V4b) bewiesen. Die leere Menge vereinigt mit den Zellen von
ergibt die Zellen von
.
D.h. es ist
.
Daher ist die leere
Punktmenge das Null-Objekt. Das gesamte Diagramm
geschnitten mit den
Zellen, die
repräsentieren, ergibt wieder die Zellen von
.
D.h. es ist
.
Daher ist
das Eins-Objekt. Das Innere der Region, die
repräsentiert, vereinigt mit dem offenen Kern des Komplements der von
repräsentierten Region ergibt nach Definition das gesamte Diagramm, ist also
.
Das Innere der Region, die
repräsentiert, geschnitten mit dem offenen
Kern des Komplements der
repräsentierenden Region ergibt nach Definition
der Diagramme den leeren Schnitt, ist also
.
Daher erfüllt der offene Kern
des Komplements der
repräsentierenden Region die Bedingungen der Booleschen
Komplementdefinition. Eine vergleichbare Form der Substitutionsregel gilt,
zumindest auf dieser Stufe der Einführung der Venn-Diagramme, auch im
Hintergrund der Diagramme. Wie sonst hätte man auch die Booleschen Gleichungen
bearbeiten können. Ein Beweis der Substitutionsregel ist daher nicht notwendig.
Ein endlicher Boolescher Verband mit
Variablen ist isomorph mit einem
Venn-Diagramm mit einer unabhängigen Familie von
Regionen.
Beweis: Mit dem Beweis von Satz 2.38 ist gezeigt, daß sich mit Venn-Diagrammen alles machen läßt, was in endlichen Booleschen Verbänden möglich ist. Umgekehrt zeigte der Beweis von Satz 2.37 die Isomorphie des Booleschen Verbandes mit den Venn-Diagrammen. Weitere Axiome haben die Venn-Diagramme in dem Sinne nicht.
Mit Kreisen können nur Venn-Diagramme bis
erzeugt werden. Mit Ellipsen
kann man bis
kommen. Siehe dazu [3].
Beweis: Für ein zusammenhängendes Netz in der Ebene gilt der Euler Satz:
wobei
die Zahl der Schnittpunkte,
die Zahl der Kanten und
die
Zahl der Zellen ist, die durch das Netz in der Ebene erzeugt werden.
Das Netz werde durch die Ränder einer unabhängigen Familie von
Regionen
erzeugt, wie sie für Venn-Diagramme definiert sind. Es können
Regionen-Paare aus den
Regionen kombiniert werden. Schneiden sich je 2
Regionen-Ränder in
Punkten, und haben keine 3 Regionen-Ränder einen
gemeinsamen Punkt, so hat das Netz
Schnittpunkte
und
Kanten. Dann vereinfacht sich der Euler-Satz zu:
Für ein Venn-Diagramm ist .
Daher gilt:
Einsetzen der Ergebnisse für Schnittpunkte und Kanten ergibt:
Umgeformt nach
ergibt sich:
Die Ränder zweier kreisförmiger Regionen schneiden sich in maximal 2 Punkten,
die Ränder zweier ellipsenförmiger Regionen in maximal 4 Punkten.
ist also
für Kreise gleich 2 und obige Formel ist erfüllbar für
.
Für Ellipsen
ist
gleich 4, und obige Formel ist erfüllbar für
.